Die Sprachentwicklung


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A. Der vorgeburtliche Beginn des Spracherwerbs
Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Entwicklung der für die Sprache wichtigen Grundlagen nicht erst postnatal beginnt, sondern schon im Mutterleib einsetzt. So ist beispielsweise das für das Hören wichtige Innenohr schon in der 18. Schwangerschaftswoche funktionsfähig und der Fötus zeigt ab der 22. Woche dann schon erste Reaktionen auf akustische Reize aus der Umwelt (WIRTH 1994, S.204).

B. Die Vorstufen des Spracherwerbs
Das erste Element der produktiven Sprachentwicklung nach der Geburt sind die noch undifferenzierten Reflexschreie auf innere und äußere Reize. Sie trainieren Atmung und Stimmgebung. Ab etwa der 3. Woche differenziert sich das Schreien aus und der Säugling kann z.B. Hunger, Schmerz, Freude und Zufriedenheit ausdrücken. Nach fünf Wochen können dann erste Vokale – jedoch noch keine Konsonanten – beobachtet werden. Ab etwa der 6. Woche treten die sogenannten Gurrlaute auf. Die Phase der Reflexschreie und Gurrlaute dauert bis etwa zur 6. bis 8. Woche an und mündet in die Phase des instinktiven Lallens (auch 1. Lallperiode oder Lallphase genannt) ein (GRIMM 2002, S. 525). Rezeptiv ist das Neugeborene in der Lage, Laute zu differenzieren. Zudem zeigt der Säugling schon kurz nach der Geburt eine deutliche Präferenz und Sensibilität für die Umgebungssprache, die Sprache der Bezugsperson sowie deren Prosodie und Rhythmus (GRIMM 2003, S. 32)

Die erste Lallperiode setzt mit etwa 6-8 Wochen ein. Sie ist weltweit bei allen Kindern – auch den Gehörlosen – beobachtbar. In dieser Phase treten nun die ersten Konsonanten und Konsonant-Vokalverbindungen auf. Durch diese noch zufälligen Artikulationsbewegungen der ersten Lallperiode trainiert das Kind die motorische Geschicklichkeit der Artikulatoren. Dabei gehen die zufällig produzierten Laute weit über das in der Erstsprache übliche Lautinventar hinaus (WIRTH 1994, S. 109). Damit ist gemeint, dass z.B. ein Kind mit der Erstsprache deutsch auch z.B. englische oder polnische Formen von [l] und [r] ausspricht, obwohl diese in seiner Erstsprache überhaupt nicht auftreten.
Um den 6. Monat herum mündet die erste Lallperiode dann in die absichtliche Lautnachahmung (auch 2. Lallperiode genannt) ein (FRANKE 1998, S. 119). Rezeptiv erkennt das Kind in dieser Phase Silben und bevorzugt die Ammensprache.

In der zweiten Lallperiode beginnt das Kind die Laute seiner Erstsprache nachzuahmen. Dabei reduziert es das weite Lautinventar der ersten Lallperiode auf die in seiner Erstsprache üblichen Laute und ergänzt noch fehlende Laute. Bei gehörlosen oder schwerhörigen Kindern wurde beobachtet, dass sie ihre Lautproduktion nicht mehr erweitern oder sogar einstellen. Dieser Stillstand tritt ein, da für eine gelingende Nachahmung ein intaktes Gehör sowie gutes Sehvermögen notwendig sind. Nur mit intakten Sinnen kann das Kind die Umweltlaute hören und auch das Mundbild absehen. Für die weitere Lautentwicklung ist zudem die in der ersten Lallperiode trainierte Sprechgeschicklichkeit notwendig (WIRTH 1994, S. 110 f u. 130). Das Kind spielt in dieser Zeit mit den Lauten und es kommt zu ersten Lautverdopplungen wie beispielsweise [baba-baba]. Zudem beginnt es Geräusche und die erstsprachliche Intonation nachzuahmen (GRIMM 2003, S. 43; WENDLANDT 2000, S. 26). Die Entwicklungen der zweiten Lallphase münden dann zwischen dem 10. und 14. Lebensmonat in die Bildung der ersten Wörter ein (GRIMM 2003, S. 46).

In diesem Zeitraum kann das Kind rezeptiv die Grenzen zwischen Phrasen erkennen. Es bevorzugt Wörter der Erstsprache vor Wörtern anderer Sprachen. Schließlich setzt ab dem 5. bis 9. Monat ein erstes Wortverständnis ein. Es bezieht sich jedoch auf anwesende Gegenstände und regelmäßig wiederkehrende Handlungen. Mit ca. 9 bis 12 Monaten kann das Kind dann Wörter erkennen und verstehen, noch bevor es selbst ein Wort produziert (GRIMM 2003, S. 43; FENDRICH 2000, S. 61).

Das Sprachverständnis um das erste Lebensjahr ist noch auf einzelne Wörter in einem Satz beschränkt. Dies bedeutet, dass das Kind nicht alle Wörter in einem Satz versteht, weil ihm noch nicht alle grammatikalischen Strukturen, die zur vollständigen Entschlüsselung notwendig sind, zur Verfügung stehen (ZOLLINGER 2000 a, S. 67). Um die Bedeutung des Gesagten dennoch zu entschlüsseln, bedient es sich der sogenannten Schlüsselwortstrategie. Die verstandenen Schlüsselworte im Satz werden durch Informationen von Gestik und Mimik, Situationskontext und Weltwissen soweit ergänzt, dass das Kind den Satz verstehen kann.

C. Die Sprachentwicklung im engeren Sinn
In der Literatur wird der Beginn der eigentlichen produktiven Sprachentwicklung mit dem Auftreten des ersten Wortes gleichgesetzt, obwohl die Sprachentwicklung schon vorgeburtlich einsetzt. Die Grenze zwischen diesen Vorstufen und der eigentlichen Sprachentwicklung markiert somit das erste Wort, das mit ca. 10 - 14 Monaten auftritt.

Im Alter von 12 - 16 Monaten produziert das Kind um die 20-30 Wörter, wozu auch Wörter der Kindersprache – wie beispielsweise „Gagag“ für „Ente“ – zu zählen sind (GRIMM 2003, S. 43). Ein Kind versteht in diesem Alter durchschnittlich 100-150 Wörter und einfache Sätze bzw. Aufforderungen. Mit 16-20 Monaten versteht es schon etwa 200 Wörter. Dabei lassen sich die Kinder noch stark von der Wahrscheinlichkeit der Ereignisse leiten .

Ein wichtiger Punkt der Sprachentwicklung wird im Alter von ca. 18 Monaten erreicht. Bis zu diesem Zeitpunkt beherrscht ein Kind durchschnittlich 50-200 Wörter. Mit ca. 18 Monaten setzt dann der Wortschatzspurt ein. Zusätzlich erwirbt das Kind mehr und mehr Funktionswörter wie beispielsweise Verben, Adjektive und Präpositionen.

Um das zweite Lebensjahr produziert das Kind erste Mehrwortäußerungen wie beispielsweise „Papa schläft“, „Tür auf“, „mehr Saft“, usw. und es kommt zu Wortneuschöpfungen wie „Seemattias“ statt „Sebastian“ oder „Augenfedern“ statt „Wimpern“ (WENDLANDT 2000, S. 27). Diese Mehrwortäußerungen weisen typische Charakteristika auf: Kinder lassen in diesen Wortkombinationen bestimmte Satzelemente, wie beispielsweise Artikel, Hilfsverben, Konjunktionen und Präpositionen aus. Um eine kindliche Äußerung verstehen zu können, muss daher der Kontext, in der sie geäußert wurde, bekannt sein. Aber auch wenn Kinder bestimmte Satzelemente auslassen, so beachten sie dennoch formal-grammatikalische Regeln. So wird z.B. nie ein Adjektiv vor einen Artikel gestellt (z.B. „heiß das“, „groß die“) (GRIMM 2002, S. 531 ff).

Bis zum dritten Lebensjahr nimmt der Wortschatz weiter stark zu und Präpositionen (auf dem Baum) und Hilfsverben zur Bildung der Vergangenheit (Ich habe geschlafen) tauchen auf. Das Kind bildet einfache Sätze wie beispielsweise „Das ist ein Baum“ und „Das ist eine Frau“. Das Sprachverständnis ist nun so weit ausgereift, dass es zunehmend komplexe Sätze versteht (WENDLANDT 2000, S. 23).

Um das vierte Lebensjahr spricht das Kind mit bei- und nebengeordneten Sätzen („Mama war bei der Ärztin und ich habe mit Jenny gespielt.“, „Die Sp(r)itze, die sie mir gegeben hat, tat nicht weh.“). Es kann Bezug zu Vergangenem und Zukünftigem nehmen und sich differenziert zu Themen innerhalb seines Lebensbereiches ausdrücken (WENDLANDT 2000, S. 27). Das Sprachverständnis ist ausgereift, und es setzt metasprachliches Bewusstsein, das heißt die Fähigkeit über Sprache zu sprechen, ein (GRIMM 2003, S. 44).

Bis zum sechsten Lebensjahr spricht das Kind fließend und in komplexen Sätzen und Zusammenhängen. Sein Wortschatz weitet sich immer mehr und es kann sich zu vielen Themen inhaltlich sicher und grammatikalisch korrekt äußern. Bis auf die Zischlaute beherrscht es sicher alle Laute und Lautverbindungen. Das Sprachverständnis ist soweit ausgereift, dass das Kind Inhalte entsprechend seiner Entwicklung abstrahieren kann (GRIMM 2003, S. 43 f).

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