Sprache und sprechen

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Im Alltag werden die Begriffe Sprache, sprechen und Sprachentwicklung oft unscharf verwendet. Häufig sind Äußerungen von Eltern, wie beispielsweise: „Mit seinen vier Jahren kann Lukas schon sehr schön sprechen, nur mit „xyz“ tut er sich noch schwer“ zu hören. Mit dieser Aussage möchten die Eltern ausdrücken, dass die Sprachentwicklung im Vergleich zu anderen Kindern schon fortgeschritten ist. Es ist also notwendig, die Begriffe Sprache und sprechen voneinander abzugrenzen, obwohl sie für die Kommunikation miteinander kombiniert und koordiniert werden müssen.

a) Unter Sprache ist dabei – vereinfacht ausgedrückt – ein System zu verstehen, das sich aus Wissensspeichern wie beispielsweise Wortschatz, Grammatik und Wortbildung, aber auch Wissen über Kommunikationsregeln zusammensetzt. Mit Hilfe von Sprache ist der Mensch in der Lage, seine Bedürfnisse, Interessen und Gedanken auszudrücken.

Wichtig ist auch zu beachten, dass Sprache aus zwei Anteilen besteht. Sprache hat eine produktive Seite – d.h. das Sprechen (oder Schreiben) von Lauten bis hin zu Wörtern und Sätzen – und eine rezeptive Seite – dies bedeutet, dass es bei Sprache auch um das Verstehen von Worten und Sätzen geht.

b) Wenn eine Person ihre Interessen, Bedürfnisse und Gedanken verbal äußert, so spricht sie. (Das gleiche gilt für das schriftlich niederlegt von Gedanken, dem Schreiben). Unter Sprechen ist also die Bildung der einzelnen Laute (= Artikulation) unter Beteiligung der sogenannten Artikulatoren – v.a. Lippen und Zunge – zu verstehen. Dabei ist die Beherrschung der feinmotorischen Bewegungsabläufe Grundlage einer richtigen und klaren Artikulation.





Das Problem der Altersnorm:

In der Regel erwerben alle (sprach-)gesunden Kinder die gleichen Elemente von Sprache. Allerdings kann die sprachliche Entwicklung in ihrer zeitlichen und inhaltlichen Dimension sehr unterschiedlich verlaufen (HELLRUNG 2002, S. 11). Die Verwendung von Altersnormen ist daher eine zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite helfen Altersnormen die Entwicklung und Fähigkeiten eines einzelnen Kindes mit den typischen Entwicklungsverläufen von Kindern einer bestimmten Altersstufe zu vergleichen. Auf der anderen Seite müssen sich Fachkräfte und Eltern darüber im Klaren sein, dass Normen nur Durchschnittswerte anzeigen. Daher sind alle auf dieser Seite gemachten Altersangaben letztlich als grobe Richtwerte zu verstehen.





Gemeinsame Ausgangspunkte:

Im Bereich der Sprachentwicklung gibt es ein breites Spektrum von Ansätzen und Theorien, die den Erwerb von Sprache erklären, sich jedoch teilweise grundlegend voneinander unterscheiden. Trotz dieser Fülle und Unterschiedlichkeit gibt es unter den Forschenden gewisse gemeinsame Ausgangspunkte. Diese Gemeinsamkeiten stellt GRIMM durch vier sehr prägnante Grundüberzeugungen dar:

  1. Die Sprache ist humanspezifisch und hat eine biologische Basis.
  2. Das Kind ist für den Spracherwerbsprozess vorbereitet.
  3. Ohne eine sprachliche Umwelt wäre der Erwerbsprozess nicht möglich.
  4. Die inneren Voraussetzungen des Kindes und die äußeren Faktoren müssen im Sinne einer gelungenen Passung zusammenwirken.“ (GRIMM 2002, S.537)

Aus den Grundüberzeugungen kann geschlussfolgert werden, dass die Sprachentwicklung multifaktoriell ist und eingleisige Ansätze somit nicht greifen. Dies bedeutet, dass Spracherwerb und prachentwicklung nicht allein aufgrund einzelner Theorien oder Ansätze – wie beispielsweise der Lerntheorie oder der Position, dass Sprache dem Menschen angeboren ist – erklärt werden kann. Der Spracherwerb ist ein komplexer Prozess, der nur bei einem gelungenen Zusammenspiel aller Elemente – Umweltbedingungen, Interaktion, biologische Basis usw. – erfolgreich verlaufen kann.

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